Auf nichts Unumstößliches stoßen Leserinnen und Leser in diesem Blog. Alles ist Überlegung, nichts Überlegenheit. Standpunkte sind springende Punkte und Punktlandungen selten.
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Freitag, 23. Juli 2021

Big Hilton is watching you


Im Gegensatz zum östlich der Świna gelegenen Świnoujście ist in Swinemünde, dem Usedomer eingedeutschen Teil der Stadt westlich der Świna, der Strand durchkommerzialisiert:
Strandkorbvermietung, Kinderanimation im Nichtschwimmerbereich, Rettungsschwimmer, Surfschulen, Kaffee-, Limonaden-, Eisverkäufer... Und von allem zu viel.
Doch trotz erdrückenden Angebotes herrscht hier Ordnung! Die Strandzugänge sind den Deutschen zuliebe durchnummeriert und bebildert! Über jedem Eingang prangt ein Schild mit je einer Zahl und je einem Bild, anhand dessen sich selbst kleine Kinder leicht orientieren können. Hier geht niemand verloren. Alle finden zurück zu ihren Hotels auf der quietschbunten Promenade mit Restaurants, Boutiquen, Luftballons, Souvenirs und Zuckerwatte.
Aber etwas Gutes gibt es auch:
Über den Dünen verläuft parallel zur Promenade ein über Rampen erreichbarer langer, breiter, stabiler Steg, der phantastischen Meerblick bietet und sich großer Beliebtheit erfreut, auch bei denen, die nicht mit Rollatoren oder Rollstühlen unterwegs sind.
Es ist ein Versuch. Jedoch direkten Strandzugang und die Möglichkeit, im Meer zu baden, haben Menschen auf Rädern auch hier, wo sie zumindest ansatzweise ins touristische Geschäft einbezogen werden, leider nicht.



Sonntag, 23. Juni 2019

Behinderungen – ja oder nein

Es gibt schwangere Frauen, die Embryonen oder Föten abtreiben lassen, wenn pränatale Untersuchungen ergeben haben, die Kinder kämen wahrscheinlich mit Behinderung zur Welt.

Frauen, die im embryonalen bzw. frühen fetalen Stadium als gesund eingeschätzte Kinder austragen, sie jedoch im Laufe der Schwangerschaft mit Alkohol so sehr vergiften, dass lebenslange Behinderungen pränatal entstehen, gibt es aber auch.

Die einen vernichten, die anderen verursachen Behinderungen.

Absurd?

Ja. Und unmenschlich!

Beides.

Samstag, 16. April 2016

Notizen zum Thema Inklusion - Nr. 7

Zweimal wöchentlich durchquere ich mit Z. auf dem Weg zu ihr nach Hause eine kleine parkähnliche Anlage. Der Weg ist etwas länger als der, der direkt an der Straße verläuft, und Verfechter der Wirtschaftlichkeit würden ihn wohl einen Umweg nennen, wir aber planen einfach etwas mehr Zeit ein, weil es an der Straße unerfreulich laut ist, und denken uns nichts Großartiges dabei – Kleinböses übrigens auch nicht. Zu denken indes gab mir neulich ein Mädchen, das plötzlich auf uns zu gerannt kam und sich an mich wandte. „Ich habe Sie hier schon ganz oft gesehen“, rief es, „und will Ihnen jetzt endlich mal sagen, dass ich Sie sehr mutig finde!“ Weiter erzählte das Kind, dass es auch schon mal in so einem Projekt mit Behinderten mitgemacht habe und es ganz toll finde, sich um Behinderte zu kümmern. So weit, so gut. Ich habe das Mädchen noch ein wenig nach diesem Projekt befragt, dann trennten sich unsere Wege. Nun die Denkaufgabe: Was für eine Gesellschaft ist das, in der wir leben, wenn sogar ein Kind, das offenbar in einem Umfeld aufwächst, welches tolerant gegenüber Andersartigkeit jedweder Art ist, es für mutig hält, sich in Begleitung eines sichtbar schwer behinderten Menschen in der Öffentlichkeit zu zeigen? Wie weit ist es noch zur Inklusion?

Samstag, 7. November 2015

Verrücktheit

Verrücktheit ist das, was aufhört zu existieren, wenn dem Kreis, dem manche entrückten, sein Mittelpunkt genommen wird.

Dienstag, 27. Januar 2015

Notizen zum Thema Inklusion - Nr. 6

Menschen mit Behinderung dürfen gegenüber Menschen ohne Behinderung nicht benachteiligt werden und haben einen Rechtsanspruch auf Selbstbestimmung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, also auf eines jenseits stationärer Einrichtungen. Klingt fantastisch, und zwar so außerordentlich, dass nichts naheliegender ist, als nach dem sprichwörtlichen Haken an der Sache zu suchen, was nicht lange dauert. Hier ist er, der Haken: Zu beantragen sind ambulante Hilfen nämlich nicht etwa bei Kranken- oder Pflegekassen, sondern bei den Sozialämtern. Und es gilt eine Regel analog der für Erwerbslose. Vermögen und Rücklagen von mehr als 2600,- € sind zunächst aufzubrauchen und dann alle Einkünfte oberhalb dessen, was als Existenzminimum gilt, für die Finanzierung der Hilfen einzusetzen. Für den Rest kommt der Staat auf. Das bedeutet: behindert = arm. Assistenzen und Eingliederungshilfen sind eigentlich als Nachteilsausgleich gedacht. Allerdings entsteht durch das Ausgleichen von Behinderung auf diese Art und Weise als weiterer Nachteil Armut. Erwerbsarbeit lohnt sich nicht für Menschen mit Behinderung, finanziell jedenfalls nicht. Und ob erwerbstätig oder nicht, sie sind lebenslang dazu verdammt, als "Sozialschmarotzer" kriminalisiert zu werden. Frage: Harmoniert diese Praxis mit der UN-Behindertenrechtskonvention? Antwort: Nein, ebenso wenig wie mit Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes, die Würde des Menschen sei unantastbar.

Sonntag, 16. November 2014

Notizen zum Thema Inklusion – Nr. 5

Gestern war ich bei K. Wenn wir gemeinsam Zeit verbringen, üben wir gewöhnlich, uns in unserem Tun sowohl aufeinander als auch auf andere Menschen zu beziehen und nonverbal zu kommunizieren, basteln, schauen Bücher an, hören CDs, spielen Lernspiele, erfreuen uns während gemeinsamer Spaziergänge an am Straßenrand parkenden Fahrzeugen jeglicher Art und überprüfen Fahrradklingeln auf ihre Funktionstüchtigkeit...
Doch z.Zt. ist alles anders, denn K. ist schwer krank und meine Aufgabe besteht vordergründig darin, sie bei Laune zu halten, acht zu geben, dass sie sich den Tropf nicht abreißt, isst, trinkt...
Sie ist im Krankenhaus sehr un-inklusiv auf einer Station untergebracht, die speziell Erwachsene mit Behinderungen aufnimmt, und zwar unabhängig davon, um welche Erkrankungen es sich handelt und welche Fachärzte die Therapien verordnen. Eine Diskussion wie die über Abschaffung oder Erhalt von Förderschulen ließe sich jetzt eröffnen, möge momentan jedoch unterbleiben.
Soziale Kompetenz könnten K. und ich auch auf der Behinderten-Station trainieren, so wir denn dürften. Wenn K. nicht gerade am Tropf hängt oder schläft - warum den Aufenthaltsraum meiden, wo Bücher, Papier, Stifte, Spiele und vor allem andere Patienten sind? Weil andere Behinderte, von K.s Mutter als "Dödel" bezeichnet, kein Umgang für K. seien. Ihre Tochter verstehe schließlich, was um sie herum geschehe, und hätte bis zur 6. Klasse eine Regelschule besucht. Sie sei ein Rechengenie, was auch immer die Mutter darunter versteht und woran sie es erkennt, und könne gestützt am Computer schreiben. Sie spreche lediglich nicht.
Uff!
Wie soll ein Inklusionsprozess in Gang kommen, wenn sogar behinderte Menschen selbst bzw. deren Angehörige sich gegenseitig exkludieren? Was bestimmt den Wert eines Menschen? Seine Fähigkeit, gestützt am Computer zu schreiben? Wie viele Punkte im Kampf um die Wertigkeit macht gut, wer vielleicht nicht schreiben kann, auch nicht gestützt, aber im Gegensatz zu K. nonverbale soziale Signale anderer sowohl versteht als auch berücksichtigt und selbst sendet?

Fragen über Fragen.

Freitag, 25. Januar 2013

Notizen zum Thema Inklusion – Nr. 4

V. und ich wollen morgen eine Theaterveranstaltung besuchen. Die ist – zum Glück – nicht explizit für Menschen mit Behinderung(en) gedacht; das Aussortiert-Werden soll ja endlich ein Ende haben, aber ob sie dennoch für alle erreichbar und zugänglich ist, wollte ich vorab klären, um V. und mir eventuell frustrierende Erlebnisse in der Welt der Normalos zu ersparen. Julia de Boor, die Künstlerin, habe ich gefragt, ob es ihrer Meinung nach stören wird, wenn mein Kumpel – in der Amts- und Behördensprache heißt er Klient – die Aufführung auf seine Art und Weise kommentierend begleiten wird, und sie hat mir geantwortet, sie könne nur für sich sprechen, nicht für das Publikum, das sie selbst vorab nicht kennt, aber für sie sei unser Kommen in Ordnung, sie freue sich auf uns. War ich also heute noch am Veranstaltungsort, der Kinderbuchhandlung "Nimmersatt" in Kreuzberg, um mich auch dort zu erkundigen, ob V., der alternativ und nonverbal kommuniziert, wohl als störend empfunden werden wird, und der Verkäufer hat mir geantwortet, er könne nur für sich sprechen, nicht für das Publikum, das er selbst vorab nicht kennt, aber für ihn sei unser Kommen in Ordnung. Hm. Nun bin ich annähernd genauso schlau wie zuvor, beschließe aber, es zu wagen: V. und ich gehen also morgen ins Theater. Gilt noch zu klären: Wie gelangen wir hin? Die Stufe in den Laden überbrückt eine Rampe, die zwar so steil ist, dass sie für Menschen im Rollstuhl, die den selbst fahren, eine Barriere darstellen dürfte, aber V. wird ja geschoben. (Wahrscheinlich ist es eigentlich eine Schräge, die Eltern mit Kinderwagen das umsatzfördernde Betreten der Kinderbuchhandlung ermöglichen soll, aber ich funktioniere sie zur Rollstuhlrampe um.) Wir werden die Buchhandlung also betreten bzw. befahren können, zuvor jedoch öffentliche Verkehrsmittel nutzen müssen. Vorsichtshalber fuhr ich heute die Strecke ab. Morgen in Tempelhof die S-Bahn zu besteigen wird klappen, es gibt einen Aufzug. Am Bahnhof Hermannstraße in die U-Bahn umzusteigen sollte ebenso gelingen, es gibt einen Aufzug. An unserem Zielbahnhof Schönleinstraße aus der U-Bahn auszusteigen ist unkompliziert, allerdings könnten wir dort mit Rollstuhl den Bahnhof nicht verlassen, denn es gibt keinen Aufzug. Wusste ich allerdings schon, auf dem BVG-Streckenplan ist auch keiner eingezeichnet. Eine Station früher auszusteigen und das fehlende Stück vorzulaufen war meine Idee, denn am Hermannplatz gibt es einen Aufzug. Ich durfte jedoch feststellen, der funktioniert bis auf Weiteres nicht. (Die Verkehrsgesellschaft, der ich monatlich 77,- € für das Umweltticket in den Rachen werfe, bittet um Verständnis, aber wo nehme ich das her und, wenn ich es hätte, was nutzte es wem!?) Den nächsten funktionierenden Aufzug fand ich am Kottbusser Tor. Fahren wir also morgen eine Station weiter, als wir eigentlich wollen, und laufen bzw. rollen dann zurück. Ich bin gespannt.

Inklusion ist ein langer Prozess, der mit dem vermehrten Bau von Rampen, funktionierenden Aufzügen, der Diskussion über gemeinsame Schulen für alle... gerade erst beginnt: Einerseits nehme ich es mir übel, dass ich Veranstalter vorab frage, ob wir kommen dürfen, andererseits frage ich für V., der hochsensibel und verstehend ist. Er gilt als nonverbal, weil er selbst nicht in Worten spricht. Aber er versteht die Worte anderer, nicht zuletzt ihn betreffende und vernichtende wie "Was will der denn hier? Wie sieht der denn aus? Der ist doch bekloppt!"

Sonntag, 20. Januar 2013

Notizen zum Thema Inklusion - Nr. 3

Wenn ich mit anderen über meine berufliche Tätigkeit spreche und keineswegs geheimhalte, dass ich mit meinen Schützlingen die auf ihre speziellen Bedürfnisse zugeschnittenen Schutzräume bevorzugt verlasse, mich mit ihnen also in medias res und die freie Wildbahn begebe, werde ich nicht selten sogar von Menschen, die sich für tolerant halten, gefragt, ob es mir denn nichts ausmache, von anderen immer so entsetzt angestarrt zu werden, weil ja einige derer, die ich hie und da ein Stück durch ihr Leben begleite, nicht einfach nur körperlich oder kognitiv eingeschränkt, sondern obendrein abstoßend hässlich seien, und dann verschlägt es mir nicht selten die Sprache, so dass es mir sprachlos, wie ich dann bin, noch leichter als ohnehin fällt, die Perspektive zu wechseln und das Leben aus Sicht derer zu betrachten, die zwar – jeder auf seine Weise – verstehen, aber nicht immer selbst sprechen:

Lassen wir all jene, denen Äußerlichkeiten und Fassaden so wichtig sind, doch starren! Vielleicht werden sie irgendwann sehend, zu wünschen wäre es ihnen, aber wahrscheinlich müssten sie dazu erst erblinden.

Notizen zum Thema Inklusion - Nr. 2

V. und ich waren auf dem Tempelhofer Feld spazieren. Ein Mann kam uns entgegen, der Unterschriften für den Erhalt des Tempelhofer Feldes als Freifläche sammelte. Ich hielt den Rollstuhl an und blieb mit V. stehen, weil ich unterschreiben wollte, er indes beschleunigte seinen Gang, als er uns stehen und mich in seine Richtung blicken sah, und eilte an uns vorüber. Dem Umstand, dass andere Spaziergänger unterschrieben und ihn in ein Gespräch verwickelten, sei Dank, dass ich den Unterschriftensammler noch erreichen konnte, nachdem ich V. nebst seinem Rollstuhl gewendet hatte. Er schien meine Gedanken zu erraten und sagte mit dem Kopf in V.s Richtung nickend, er sei sich nicht sicher gewesen, ob wir unterschreiben wollen. Ich verkniff mir die Fragen, was er denn gedacht habe, warum ich stehen geblieben sei, und vor allem, warum wir. Dass V. nicht einen Stift halten und unterschreiben kann, sieht ein Blinder. Na ja, ein Blinder halt, der könnte sehen. Eine dritte Frage allerdings verkniff ich mir nicht, nämlich die, ob ich zwei Mal unterschreiben dürfe, einmal für mich und einmal für V., der das trotz Volljährigkeit nicht selbst kann. Die Antwort war ein unmissverständliches Nein.

Sonntag, 23. Dezember 2012

Notizen zum Thema Inklusion - Nr. 1

V. und ich waren im Admiralspalast beim Auftritt von Stomp. V. kommuniziert ja nicht immer, aber wenn, dann immer laut und alternativ mit verschiedenen Lauten – laut halt, hinzu treten Mimik und Gestik. Eine Frau aus der Stuhlreihe vor uns, die auch nicht leise, aber verbal kommunizierte, wollte von mir wissen, ob sie nun ihr Geld zurück bekäme. "Weiß ich nicht", antwortete ich ihr, "aber von mir ganz sicher nicht. Wenn Sie die Veranstaltung reklamieren wollen, müssen Sie nachher mal an der Kasse fragen." Gut, dass es im Saal dunkel war und sie wenigstens nicht sehen konnte, dass V. ihr die Zunge herausstreckte. Wer weiß, wie laut sie geworden wäre! Und wir wollten doch Stomp hören.