Auf nichts Unumstößliches stoßen Leserinnen und Leser in diesem Blog. Alles ist Überlegung, nichts Überlegenheit. Standpunkte sind springende Punkte und Punktlandungen selten.
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Sonntag, 16. November 2014

Notizen zum Thema Inklusion – Nr. 5

Gestern war ich bei K. Wenn wir gemeinsam Zeit verbringen, üben wir gewöhnlich, uns in unserem Tun sowohl aufeinander als auch auf andere Menschen zu beziehen und nonverbal zu kommunizieren, basteln, schauen Bücher an, hören CDs, spielen Lernspiele, erfreuen uns während gemeinsamer Spaziergänge an am Straßenrand parkenden Fahrzeugen jeglicher Art und überprüfen Fahrradklingeln auf ihre Funktionstüchtigkeit...
Doch z.Zt. ist alles anders, denn K. ist schwer krank und meine Aufgabe besteht vordergründig darin, sie bei Laune zu halten, acht zu geben, dass sie sich den Tropf nicht abreißt, isst, trinkt...
Sie ist im Krankenhaus sehr un-inklusiv auf einer Station untergebracht, die speziell Erwachsene mit Behinderungen aufnimmt, und zwar unabhängig davon, um welche Erkrankungen es sich handelt und welche Fachärzte die Therapien verordnen. Eine Diskussion wie die über Abschaffung oder Erhalt von Förderschulen ließe sich jetzt eröffnen, möge momentan jedoch unterbleiben.
Soziale Kompetenz könnten K. und ich auch auf der Behinderten-Station trainieren, so wir denn dürften. Wenn K. nicht gerade am Tropf hängt oder schläft - warum den Aufenthaltsraum meiden, wo Bücher, Papier, Stifte, Spiele und vor allem andere Patienten sind? Weil andere Behinderte, von K.s Mutter als "Dödel" bezeichnet, kein Umgang für K. seien. Ihre Tochter verstehe schließlich, was um sie herum geschehe, und hätte bis zur 6. Klasse eine Regelschule besucht. Sie sei ein Rechengenie, was auch immer die Mutter darunter versteht und woran sie es erkennt, und könne gestützt am Computer schreiben. Sie spreche lediglich nicht.
Uff!
Wie soll ein Inklusionsprozess in Gang kommen, wenn sogar behinderte Menschen selbst bzw. deren Angehörige sich gegenseitig exkludieren? Was bestimmt den Wert eines Menschen? Seine Fähigkeit, gestützt am Computer zu schreiben? Wie viele Punkte im Kampf um die Wertigkeit macht gut, wer vielleicht nicht schreiben kann, auch nicht gestützt, aber im Gegensatz zu K. nonverbale soziale Signale anderer sowohl versteht als auch berücksichtigt und selbst sendet?

Fragen über Fragen.

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