Inklusion ist ein langer Prozess, der
mit dem vermehrten Bau von Rampen, funktionierenden Aufzügen, der
Diskussion über gemeinsame Schulen für alle... gerade erst beginnt:
Einerseits nehme ich es mir übel, dass ich Veranstalter vorab frage,
ob wir kommen dürfen, andererseits frage ich für V., der
hochsensibel und verstehend ist. Er gilt als nonverbal, weil er
selbst nicht in Worten spricht. Aber er versteht die Worte anderer,
nicht zuletzt ihn betreffende und vernichtende wie "Was will der
denn hier? Wie sieht der denn aus? Der ist doch bekloppt!"
wortort. miriam hartz an wort und stelle
Auf nichts Unumstößliches stoßen Leserinnen und Leser in diesem Blog. Alles ist Überlegung, nichts Überlegenheit. Standpunkte sind springende Punkte und Punktlandungen selten.
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Freitag, 25. Januar 2013
Notizen zum Thema Inklusion – Nr. 4
V. und ich wollen morgen eine
Theaterveranstaltung besuchen. Die ist – zum Glück – nicht
explizit für Menschen mit Behinderung(en) gedacht; das
Aussortiert-Werden soll ja endlich ein Ende haben, aber ob sie
dennoch für alle erreichbar und zugänglich ist, wollte ich vorab
klären, um V. und mir eventuell frustrierende Erlebnisse in der Welt
der Normalos zu ersparen. Julia de Boor, die Künstlerin, habe ich
gefragt, ob es ihrer Meinung nach stören wird, wenn mein Kumpel –
in der Amts- und Behördensprache heißt er Klient – die Aufführung
auf seine Art und Weise kommentierend begleiten wird, und sie hat mir
geantwortet, sie könne nur für sich sprechen, nicht für das
Publikum, das sie selbst vorab nicht kennt, aber für sie sei unser
Kommen in Ordnung, sie freue sich auf uns. War ich also heute noch am
Veranstaltungsort, der Kinderbuchhandlung "Nimmersatt" in
Kreuzberg, um mich auch dort zu erkundigen, ob V., der alternativ und
nonverbal kommuniziert, wohl als störend empfunden werden wird, und
der Verkäufer hat mir geantwortet, er könne nur für sich sprechen,
nicht für das Publikum, das er selbst vorab nicht kennt, aber für
ihn sei unser Kommen in Ordnung. Hm. Nun bin ich annähernd genauso
schlau wie zuvor, beschließe aber, es zu wagen: V. und ich gehen
also morgen ins Theater. Gilt noch zu klären: Wie gelangen wir hin?
Die Stufe in den Laden überbrückt eine Rampe, die zwar so steil
ist, dass sie für Menschen im Rollstuhl, die den selbst fahren, eine
Barriere darstellen dürfte, aber V. wird ja geschoben.
(Wahrscheinlich ist es eigentlich eine Schräge, die Eltern mit
Kinderwagen das umsatzfördernde Betreten der Kinderbuchhandlung
ermöglichen soll, aber ich funktioniere sie zur Rollstuhlrampe um.)
Wir werden die Buchhandlung also betreten bzw. befahren können,
zuvor jedoch öffentliche Verkehrsmittel nutzen müssen.
Vorsichtshalber fuhr ich heute die Strecke ab. Morgen in
Tempelhof die S-Bahn zu besteigen wird klappen, es gibt einen Aufzug.
Am Bahnhof Hermannstraße in die U-Bahn umzusteigen sollte ebenso
gelingen, es gibt einen Aufzug. An unserem Zielbahnhof
Schönleinstraße aus der U-Bahn auszusteigen ist unkompliziert,
allerdings könnten wir dort mit Rollstuhl den Bahnhof nicht
verlassen, denn es gibt keinen Aufzug. Wusste ich allerdings schon,
auf dem BVG-Streckenplan ist auch keiner eingezeichnet. Eine Station
früher auszusteigen und das fehlende Stück vorzulaufen war meine
Idee, denn am Hermannplatz gibt es einen Aufzug. Ich durfte jedoch feststellen, der funktioniert bis auf Weiteres nicht. (Die Verkehrsgesellschaft, der ich
monatlich 77,- € für das Umweltticket in den Rachen werfe, bittet um Verständnis, aber wo nehme ich das her und, wenn ich es hätte, was nutzte es wem!?) Den
nächsten funktionierenden Aufzug fand ich am Kottbusser Tor. Fahren
wir also morgen eine Station weiter, als wir eigentlich wollen, und
laufen bzw. rollen dann zurück. Ich bin gespannt.
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